Wie Faszination im Geschehen verwurzelt

Prozessreflexion eines dreimonatigen Praktikums von Mai bis Juli 2014 von Viktoria Böhm

Würde man aktuell einen Studenten fragen, was er von seinem Praktikum im Studium erwartet, wäre seine Antwort wahrscheinlich: „Ach, stimmt ja, dass muss ich ja auch noch machen…“

Zeit verstehen die meisten Menschen heute als hoch bedeutsame natürliche Ressource, die jedem in gleichem Maße zur Verfügung steht. Man kann sie also verschwenden oder produktiv einsetzen. Unbestreitbar bleibt, dass sie für uns alle als lebensbedingende Dimension kostbar ist. Jede*r kennt das Gefühl, „keine Zeit zu haben“ oder gar „Zeit einsparen zu wollen“, hinter welchem sich der allgemein gültige, unerschütterliche Glaube verbirgt, dadurch massive Effektivität zu erreichen. Diese menschliche Überzeugung und die primär anvisierte Absicht, Abläufe zu vereinfachen, das heißt, sie letztlich so zu optimieren, den zeitlichen Aufwand maximal zu reduzieren, ist heroisch gedacht, aber meist falsch fokussiert. Beschleunigung ist inzwischen auch als problematisierendes Phänomen der Postmoderne bekannt.

Doch Wissen rettet nicht. Anstelle (vor)gefertigter Prozessansichten ist es erst die aus dem Erlebnis/Prozess angeeignete Erfahrung, die die Lage differenzierter betrachten, Prozesse effektiver gestalten und Zeit wertbringend gebrauchen lassen.

Dem verkürzten 12-jährigen Schulmodell mit dem „Turbo“-Abitur in der Tasche entkommen, mit noch spürbarem Rückenwind am Körper, stürzt sich der Abschluss-Frischling ins Studium und hat den nächsten Gipfel, den Bachelor oder Master, klar ins Auge gefasst. Der Fokus ist gesetzt, der Zeitrahmen vorgegeben und ein grober Ablauf für den Einzelnen vorkalkuliert. Somit heißt es, diesen pre-formatierten Gegebenheiten zu folgen und das abgesteckte Ziel nur nicht aus dem Auge verlieren. Blick geradeaus und entschlossenen Schrittes von einem Level ins nächste durcharbeiten. Diese Vorgehensweise der Orientierung erzeugte bei mir Skepsis. Meine Zielvorstellung war zu verschwommen. Damit erhielt ich in meiner Gleichung, gemäß der bekannten Weisheit: „Der Weg ist das Ziel“, wieder zwei Unbekannte und stand gefühlt am Ausgangspunkt.

Statt zielmotiviert und -fokussiert alle „Umwege“ zu meiden, war mir nur klar, was ich mir im Moment vorstellen konnte und machen wollte. So entschied ich mich nach acht Semestern, mir Zeit dafür innerhalb des vorgetakteten Studienablaufs zu nehmen. Besonders wichtig und zum Erreichen neuer Entwicklungsetappen geeignet, erschien mir die Station der Praktika und Auslandsaufenthalte.

Ausgespuckt und erholt aus Australien (einsemestriger Auslandsaufenthalt) zurück, fand ich innerhalb kürzester Zeit einen Praktikumsplatz für drei Monate im „Institut für Partizipatives Gestalten“ in Huntlosen (Niedersachsen). Ein Büro, welches, wie sich für mich herausstellte, durch Transparenz, Orientierung am Prozess selbst (Ergebnisoffenheit), Partizipation und ein durch eigene Methoden selbst definiertes Prozessverständnis sowie dem daraus gelebten Umgang effektiv arbeitet.

Nach einer ersten Woche, in der ich mich in die Arbeitsweise und das (-)Feld des Büros einlesen konnte und mit den Bürostrukturen und aktuellen Projekten bekannt gemacht wurde, konnte ich in der folgenden Zeit durch den Besuch von Baustellen, Workshops und Gesprächsterminen Projektstände, Bauherren sowie alle weiteren an Bau/ Planung beteiligten Menschen kennenlernen und dabei schon erste Aufgaben des Protokollierens und Recherchierens übernehmen. Während der damit verbundenen Auto- und Radfahrten zu den Außenterminen bot sich die Möglichkeit zum Gespräch über persönliche, aber auch planungstheoretische Belange, sodass anfängliche Annäherungsängste schnell verflogen und ich einen guten Einstieg ins Büro fand.

Betrachtet man das Erlebte [bzw. Praktikum] ebenfalls als zeitlich geschlossenen Gestaltungs- bzw. Entwicklungsprozess, in diesem Fall an mir als Praktikanten vor Ort, folgte auf die Faszination der anfänglichen Eintauch-Phase Skepsis und Hinterfragen in der „Krise“: Wo werde ich hier gebraucht? Wo kann ich mich einbringen beziehungsweise wirken? Was kann ich denn hier schon tun? Um dazu Antworten zu finden, versuchte ich Verknüpfungen zwischen Büroalltag beziehungsweise Struktur und Prozess von Projekten zum theoretischen Unterbau des IPGs herzustellen. Dank des intensiven Einbeziehens meiner Person in das Institut wurde mir das Verstehen des bürointernen, strukturellen und methodischen Gerüstes durch gelebte Transparenz und Partizipation gut ermöglicht. Obgleich ich auf dem Papier als Praktikantin im Büro arbeitete, erzeugte die tatsächliche Teilhabe an und durch die übergebene Verantwortung innerhalb der Projekte bei mir das Wohlgefühl, eine nahezu gleichwertige Mitarbeiterin in der Planungsgemeinschaft zu sein.

Anhand der gemeinsam verbrachten Mittagspause unter den Mitarbeiter*innen als fester Bestandteil des Arbeitsalltags und des Fakts, dass keiner einen festen Arbeitsplatz besaß, und das Kollegium sich täglich gemäß Abläufen und Prämissen aneinander neu ein-/ausrichtete, zeigte sich für mich eine weitere bedeutende Stärke des Instituts: die Gemeinschaftlichkeit.

Mithilfe zum Teil eigens kreierter Kommunikations-Instrumentarien, in Form von Wochen- als auch Tages-Teambesprechungen, regelmäßig stattfindenden Projektabsprachen unter den Mitwirkenden sowie durch gemeinsames Erarbeiten von Lösungen bei besonderen Problemstellungen in Arbeitstreffen, gelingt es dem IPG, ein hohes Maß an Transparenz im Büro zu erzeugen und so den gemeinsamen Arbeitsprozess zu stärken. Neben den genannten Besprechungsstrukturen erfolgten auch Gespräche zwischen einem Mitarbeiter des IPGs und mir als Praktikantin, in Form eines Austauschs über das Praktikum. Dadurch bot sich mir die Möglichkeit eine Rückmeldung zum Verlauf des Praktikums zu geben und Fragen zu stellen. Gleichermaßen war es für das Büro eine Gelegenheit, sich mit ihren Eindrücken zum Praktikum an mich zu wenden und mir Lob und Kritik für die weitere Zeit mit auf den Weg zu geben.

Zudem schätzte ich besonders auch die zum Teil mit den Gesprächen gepaarte planungsthematische Wissensvermittlung. Da das IPG sich für die Planung und Prozessgestaltung der Projekte auch mit den theoretischen Hintergründen (u.a: Partizipation, Planer*in-Selbstverständnis bzw. -Haltung sowie Planung als eigene Größe bzw. als Prozess) beschäftigt, empfand ich den Büroalltag oft als anregende Arbeitsatmosphäre, da sich mir immer wieder neue Themen und Anstöße als künftige Planerin eröffneten.

Im Laufe der Zeit stieg ich mehr und mehr in ein konkretes Projekt des IPGs mit ein, an welchem ich viel Zeit verbrachte und bis zum Praktikumsende mitarbeitete. Da ich den Fortgang dieses Projektes während meines Praktikumsaufenthaltes in Gänze miterleben und begleiten konnte, fand ich hier einen Platz, an dem ich mein bisheriges Wissen und meine Fähigkeiten produktiv einbringen und unterstützend mitarbeiten konnte. Durch die Einbindung in das jeweilige Projektteam, hatte sich auf meine Fragen eine Lösung gefunden, da ich so vollwertig im Arbeitsprozess involviert sein konnte und zugleich einen Partizipationsprozess bzw. eine Projektentwicklung aus nächster Nähe erlebte.

Dem Ende des Praktikums entgegengehend wuchs die mir übertragene Verantwortung durch Zuweisung im Planungsverlauf gewichtiger Aufgaben an. Das versetzte mich in Erstaunen, Tatendrang und Freude zugleich. Das Büro zeigte mir, dass es meine Arbeit schätzte und schenkte mir Vertrauen.

Abschließen möchte ich mit einem Erfahrungswert des Praktikums, der die Antwort für eine schon länger von mir gestellte Frage war und deswegen aufgrund seiner Geltung hier zuletzt stehen soll.
Während des theoretischen Studiums hinter Büchern, vor angebeamten Vorlesungspräsentationen und in fragwürdiger Nähe zum PC-Bildschirm begann ich den Menschen in dem von mir gewählten Fach und perspektivischen Berufsalltag zu vermissen. In mir wurde der Ruf laut: „Landschaftsarchitektur ist ja total unsozial oder wo bleibt da der Mensch?“

Im Praktikum verstand ich, dass der Mensch das entscheidende Planungskriterium darstellt. Diese Erkenntnis ist simpel wie logisch, und blieb im universitären Studium doch offen. Aber es war realer Alltag im IPG. Ich plante mit und für Menschen, was nicht nur bedeutete, das ich Kolleg*innen hatte, mit denen ich ein gemeinsames Projekt bestritt und Bauherren, die ihre Wünsche und Kritik äußerten, sondern äußerte sich viel verschärfter durch gelebte und gewollte Partizipation. Dabei war es die Vielfalt und Bedeutsamkeit der zwischenmenschlichen Kooperation in der Praxis, welche das theoretisch Erlernte für mich erst lebendig werden ließ.

Während des beschriebenen Prozesses konnte ich viele Erfahrungen und Kenntnisse sammeln, für die ich sehr dankbar bin. Aufgrund der beschriebenen wunderbaren Rahmenbedingungen und zudem erfolgreicher Zuarbeit hatte ich viel Freude an der Arbeit und fühlte mich im IPG während meiner Praktikumszeit sehr wohl.

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