Weitere Eindrücke aus dem Basisseminar September 2016

Momentaufnahme – etwas beginnt

Samstag, 16 Uhr, ein goldener Herbsttag. Eine Gruppe aus acht Personen kommt auf den Schlossplatz, stellt zwei Tische mit Stühlen auf.  Auf den Tisch kommt Papier,  verschiedene Materialien wie Stifte, Knete, Papier und Bilder werden auf dem Tisch verteilt. Vor dem Tisch wird ein Schild aufgestellt mit der Aufschrift „Institut zur Erforschung des Untergangs des Abendlandes.“

Einige aus der Gruppe beginnen Menschen anzusprechen, die gerade auf dem Schlossplatz sitzen, laufen, die Sonne genießen, einkaufen wollen, auf dem Nachhauseweg sind. Alle, die wollen, werden an den Tisch eingeladen, um ihre Assoziationen in Bildern, Texten, Gedankenschnipseln, Modellen auszudrücken. Die ersten Gäste sind ein Junge und eine Frau, andere gesellen sich dazu. Manche kommen dem Tisch näher, sind neugierig, können sich aber nicht dazu entschließen, mit einzusteigen, andere lassen sich von der konzentrierten Atmosphäre anstecken und setzen sich dazu. Es gibt Ideen, die schnell oder langsam entstehen.

Wie kam es zu dem Entschluss den Tisch aufzubauen?

Die Gruppe, die auf dem Schlossplatz den Tisch aufgebaut hat, setzt sich aus Teilnehmer*innen zusammen, die ein viertägiges Basis-Seminar im Institut zur Partizipation Gestaltung unter der Leitung von Sonja Hörster und Jascha Rohr besuchen.  Neben einer grundsätzlichen Einführung in die Arbeitsweisen des Instituts bekommen wir am zweiten Tag die Aufgabe, selber einen Beteiligungsprozess durchzuführen. Die Aufgabe heißt „ Wie können wir mit unserer Kmpetenz dazu beitragen, dass die „Gutmenschen“ und  „das Pack“ in einen gemeinsamen Prozess finden, der zu Lösungen anstatt zur gegenseitigen Entfremdung führt?“ Der Hintergrund der Aufgabe ist, den Impuls aufzugreifen, in dem politische Diskussionen und das gesellschaftliche Klima immer stärker durch vereinfachende und populistische Positionen geprägt sind.  „Das zeigt sich unter anderem in den Negativzuschreibungen ‚Gutmenschen‘ und ‚Pack‘. Gesellschaftliche Probleme werden dadurch nicht gelöst, geschweige denn eine lebendige Zukunft gestaltet“, heißt es in der Beschreibung der Projektaufgabe.

Wir beginnen, in das „Feld“ einzutauchen, unsere Reaktionen auf die Aufgabe zu beobachten und später zu reflektieren. Dazu gehört es, Assoziationen, körperliche Regungen, Gefühle und Gedanken wahrzunehmen.  Ein intensiver und oft diffuser Prozess beginnt. Wir versuchen, Strukturen zu erkennen, Muster wahrzunehmen. Was steckt eigentlich hinter diesen Zuschreibungen, welche Themen stehen deutlich im Raum, welche nehmen weniger Raum ein? Was ist hier wichtig, was nicht und wie sollen wir das mit anderen Menschen aufgreifen? Wie finden wir diese anderen Menschen, mit denen wir das machen wollen? Wir haben ja kaum Zeit, uns innerhalb von drei Tagen als Gruppe klarzuwerden, was die Aufgabe und das Thema insgesamt für uns bedeutet. An den Tagen des Seminars können wir auch nur zu bestimmten Zeiten an dieser Aufgabe arbeiten… Aus der anfänglichen Verwirrung – und auch Ärger über diese vereinfachenden Zuschreibenden aus der Projektaufgabe – entsteht irgendwann in unserer Gruppe eine Idee und ein Format einer Beteiligung. Wir wollen auf einen öffentlichen Platz gehen, wollen Menschen einladen, mit uns in ein Gespräch, in ein gemeinsames Tun zu kommen. Wir gründen für den Tag der Aktion am Samstag das „Institut zur Erforschung des Untergangs des Abendlandes“ und formulieren die Aufgabe für die Beteiligung:

Oldenburg 2030
Das Abendland ist untergegangen.
Was fällt Ihnen dazu ein?
Bitte bauen, basteln, zeichnen Sie.

Der Tisch ist also aufgebaut, die ersten beginnen etwas zu tun. Wie geht es weiter?

„Und ich darf machen, was ich will und ich muss nichts sagen?“

Nicht alle können sofort einordnen, was wir wollen, wissen nicht, was sie tun können, nachdem sie am Tisch sitzen. Einer fragt:  „Und ich darf machen, was ich will und muss nichts sagen?“ Das ist das Moment, in dem er beginnen kann.  Wir bemerken eine sehr intensive und konzentrierte Stimmung, die am Tisch entsteht. Es wird gemalt, geknetet und Gedanken werden aufgeschrieben.

Eigentlich war unser Ziel, dass Menschen in einem ersten Schritt  beschreiben, malen, basteln, also darstellen, was sie an unserer irgendwie merkwürdigen Aufgabe bewegt, was in ihnen entsteht, wenn sie sich damit beschäftigen. Der zweite Schritt in unserer Vorstellung war, dass sie anschließend in einen Austausch kommen, in dem der begonnene Prozess weitergehen kann. Eigentlich wollten wir einen Dialog und ein gemeinsames Tun am Tisch anregen. In der Situation, die dann entstand, gab es kaum Gespräche untereinander. Manchmal entstanden für kurze Augenblicke solche Gespräche , z.B. bei unserer Einladung oder wenn die Beteiligten wieder vom Tisch weggingen. Manche ließen uns auch recht unvermittelt an ihrer generellen Einstellung über Oldenburg teilhaben. Ein Passant sagte auf die Einladung, an den Tisch zu kommen,  „Ich bin Atheist, ich kann Ihnen dazu nichts sagen. Außerdem – ich bin nach 20 Jahren nach Oldenburg zurückgekommen, und das war ein Fehler. Kleinbürgerlich, spießig – Beamtenstadt: Zum Kotzen.“  Nun gut. Das war zwar eine sehr klare Meinung, doch an den Tisch ließ sich der Mann nicht locken. Glücklicherweise begegneten uns auch Menschen, die gerne in dieser Stadt wohnen und einen positiven Zugang zur Zukunft finden konnten – egal, was nun dieses Abendland macht, ob es untergegangen ist oder sich ausgebreitet hat oder was sonst Länder am Abend und am Morgen so machen…In der Planung hatten wir uns jedenfalls manches anders vorgestellt.

Ist unser Beteiligungsprozess nun gelungen oder gescheitert?

Der Prozess ist innerhalb kurzer Zeit entstanden, kaum war im Vorfeld die Möglichkeit da, alles zu durchdenken und zu entscheiden, was welche Auswirkungen haben kann – oder auch nicht – und wie wir mit den entstehenden Situationen umgehen würden. Von einer konkreten Lösung, in der sich „Gutmenschen“ und  „Pack“  angenähert hätten,  können wir nicht erzählen. Aber von einem kleinen Schritt, der verdeutlichen kann, was man braucht, um zu einer Lösung zu kommen: wir müssen anfangen, uns auszutauschen und gemeinsam und miteinander an den Problemen arbeiten. Wir müssen etwas zusammen tun, an dem viele und unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansichten ins Handeln kommen. Über dieses Handeln wiederum muss es einen Austausch geben, in dem sich dann noch mal unterschiedliche Meinungen widerspiegeln und ihren Platz finden können. Einen ganzen Kreis solchen Handelns und Austausches braucht es nämlich, um überhaupt herauszufinden, wer die anderen in meiner Gesellschaft sind und was wir gemeinsam bewegen können auf dem Weg zu einem reichen, schönen Zusammenleben. Das klingt vielleicht etwas pathetisch – aber eine schöne Vorstellung wäre das doch, oder?

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