Partizipatives Gestalten: Beteiligung, Zusammenarbeit und Innovation als Geschäftsmodell

Das Institut für Partizipatives Gestalten (IPG) ist ein privatwirtschaftliches Institut, das seinen Schwerpunkt in die Verbindung zweier Zukunftsbereiche gelegt hat: Gestaltung und Partizipation.

Von Jascha Rohr (03/2016)

Zum einen sind wir überzeugt, dass Gestaltungskompetenzen den derzeitigen Fokus auf Wissens- und Informationsmanagement ablösen. Es geht heute nicht nur darum Wissen zu sammeln und zu verwalten, sondern mit dem „Wissen der Vielen“ aktiv zu gestalten. Informationen sind im Überfluss vorhanden. Wichtig ist es nun, den Wert dieser Informationen zu schöpfen, um Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen zu finden, vor denen wir stehen: ökonomisch, sozial und ökologisch. Gestalten kann je nach Aufgabe und Projekt heißen: planen, entwerfen, entwickeln, konzeptionieren. Ziel von Gestaltung ist es nicht nur Bekanntes zu optimieren, sondern das Neue in die Welt zu bringen: neue Lösungen, Orte, Produkte, Dienstleistungen und Konzepte, die für Alle funktionieren.

Zum anderen sehen wir uns einer immer schneller und komplexer werdenden Welt gegenüber, die sich stetig verändert. Aus einer einzelnen Perspektive sind die meisten Problemen kaum noch zu verstehen und schon gar nicht positiv zu gestalten. Darum verbinden wir Gestaltung immer mit Partizipation (Teilhabe) und Kollaboration (Zusammenarbeit). Unsere Erfahrung zeigt uns dabei, dass die Lösungen die besten sind, die die Perspektiven aller Nutzerinnen und Nutzer einbeziehen. Wichtig ist, dass sich nicht ein Einzelinteresse gegen andere Interessen durchsetzt, sondern die Erfahrungen und das Wissen vieler aufeinander aufbauen können, um im Sinne aller Interessen voran zu kommen.

Freiraumgestaltung für Alle in der Praxis

Das IPG hat seinen Ursprung in der Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Bürgerbeteiligung. Wir bieten Städten, Kommunen und Initiativen an, mit ihren Bürgerinnen und Bürgern gemeinsam Konzepte und Entwürfe für die Gestaltung ihrer Orte zu entwickeln, die dann von uns professionell ausgearbeitet und zum großen Teil auch umgesetzt werden. Nicht selten helfen wir auch dabei, nötige Finanzierungskonzepte aufzustellen und die Fördermittel zu akquirieren. Auf diese Weise lassen wir es gar nicht erst zu Zuständen kommen, wie wir sie in Stuttgart beobachten konnten. Wenn „unsere“ Stadt- und Gemeinderäte Projekte beschließen, wissen sie ihre Bevölkerung schon hinter sich, sind die Projekte von den Bürgerinnen und Bürgern oft selbst entwickelt worden.

Gneisenau

Planungswerkstatt: Bürgerinnen und Bürger interessieren sich für die Belange ihrer Stadt. Wenn Sie transparent informiert und zur Teilhabe eingeladen werden, zeigen Sie sich als Mutbürger, die bereit sind, mit anzupacken.

Während es viele Beteiligungsverfahren gibt, in denen Bürger informiert oder befragt werden, in denen sie manchmal auch mitdiskutieren und bewerten dürfen, haben wir uns darauf spezialisiert, die Bürgerinnen und Bürger als Kollegen und Designer ihrer eigenen Lebensumwelten ernst zu nehmen. Mit methodischer Anleitung sind die meisten Menschen durchaus in der Lage auch komplexe Gestaltungsideen zu entwickeln und auszudrücken. Wir arbeiten daher in unseren Prozessen mit Bürgerinnen und Bürgern genau so, wie es professionelle Planer und Designer auch machen würden: wir beginnen mit ausführlichen Beobachtungen, Recherchen, Analysen und inhaltlichen Auseinandersetzungen. Das gibt einer Gruppe die Möglichkeit, sich und die Aufgabe genau kennen zu lernen und ein gemeinsames Verständnis zu erzeugen: wie funktioniert ein Ort, wie leben die Menschen hier, was sind die Möglichkeiten, wo liegen die Begrenzungen, welche Probleme und Perspektiven werden gesehen? In dieser Anfangsphase gibt es auch immer die Gelegenheit, erste Ideen loszuwerden, kreativ zu sein und Visionen zu entwickeln. Dies geschieht jedoch immer unter dem Vorbehalt, dass dies der Annäherung und dem Verständnis dient. Wichtig in dieser Phase ist es, dass Informationen transparent ausgetauscht werden und auf gleicher Augenhöhe kommuniziert wird. In einer Designwerkstatt sind alle Teilnehmenden ein wichtiger Teil des Planungsteams. Jede Perspektive wird geschätzt, jede Erfahrung zählt.

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Arbeiten im offenen Kreis fördert transparente Kommunikation und gleiche Augenhöhe aller Akteure

Meist führt die intensive Auseinandersetzung in einer zweiten Phase zu einem Informationsoverload: für die einzelnen Teilnehmenden ist das ganze Bild nicht mehr abzubilden und zu verstehen. Der Gruppe als Ganzes kann das aber gelingen. Trotzdem führt die Verdichtung der Erfahrungen, ersten Ideen und Vorstellungen nicht selten zu einer Art „Nadelöhr“ im Prozess. Nun müssen Konflikte an- und ausgesprochen und mit ihnen gearbeitet werden. Diese Phase ist sicherlich die anstrengendste im Gestaltungsprozess jedoch essentiell wichtig, soll die Gestaltung nicht nur schönen Schein, sondern tatsächliche Lösungen bieten.

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Orte, Prozesse, Ideen und Menschen: in einer Werkstatt entsteht aus einem kreativen Chaos etwas Neues, das vorher niemand alleine sehen konnte.

Nur wenn man den Konflikten nicht aus dem Weg geht und mit den Widersprüchen kreativ umgeht, gewinnen die Gestaltungslösungen eine neue Qualität: eine emergente (auftauchende) neue Eigenschaft, die für alle gleichzeitig überraschend aber schlüssig und folgerichtig ist und die das Projekt in eine vorher nicht zu erwartende Richtung führt. Lösungen tauchen auf, die den Begriff „Design für Alle“ rechtfertigen, denn die vielfältigen Perspektiven und vormals widersprüchlichen Positionen werden produktiv in Beziehung gesetzt. Wir sprechen an diesem Punkt auch von der kollektiven Intelligenz einer Gruppe, die sich erst dann formen kann, wenn die gemeinsame Auseinandersetzung offen und transparent statt gefunden hat.

Gneisenau

Jeder ist Experte in eigenen Angelegenheiten. Ein Werkstatt mit 40 Menschen über drei Tage bringt 120 Manntage Wissen und Erfahrung in den Gestaltungsprozess ein.

Mit dieser Arbeitsweise haben wir mit Bürgerinnen und Bürgern Entwürfe für Parks, Spielplätze und öffentliche Plätze entwickelt. Nach und nach hat sich aber gezeigt, dass wir mit unserer Arbeitsweise auch größere Kontexte in den Blick nehmen und so erfolgreiche Konzepte entwickeln können. So haben wir beispielsweise Bürgerinitiativen und Kommunen dabei unterstützt, ein Schwimmbad in Bürgerhand zu betreiben, eine Bürgerinnengenossenschaft zur Energiegewinnung aufzubauen, eine Schule für eine Kommune zu retten oder Mehrgenerationenprojekte zu gestalten. Mit den Mitarbeiter_innen und Bewohner_innen eines Behindertenheims wollten wir ursprünglich nur die Gärten ihres Heims gestalten. Daraus ist ein umfassendes barrierefreies Tourismusprojekt entstanden, für das sechsstellige Fördermittel der EU eingeworben werden konnten.

Erfolgsfaktor Partizipation

Projekte, die Teilhabe, Zusammenarbeit und Inklusion von Anfang an im Prozess verankern, führen unserer Erfahrung nach nicht nur zu den besseren Lösungen, sondern generieren auch mehr Kraft in der Umsetzung und späteren Nutzung. Der geringe Mehraufwand, der während der Entwicklung entsteht, zahlt sich mehrfach wieder aus: in der geballten Erfahrung, die genutzt werden kann, in den innovativen Ergebnissen, in der Relevanz der gefundenen Lösung und in der Identifikation der späteren Nutzer_innen mit „ihrem“ Projekt. All diese Faktoren werden im Nachgang durchaus auch in finanzieller Hinsicht positiv sichtbar.

Der Erfolg dieser Arbeitsweise hat das IPG dazu geführt, sie in immer weiteren Arbeitsfelder einzusetzen. So führen wir mittlerweile partizipative Gestaltungsprozesse auch in Unternehmen durch, um Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. So haben wir beispielsweise mit der Charité zur Partizipation von Patienten gearbeitet und begleiten Nichtregierungsorganisationen bei der Erarbeitung von Konzepten und Strategien. Momentan erweitern wir unser Angebot, um moderne Kollaborations- und Innovationsstrukturen in Unternehmen selbst aufzubauen.

Strukturen für Gestaltungsprozesse

Gestaltungsprozesse sind heute in jedem Bereich virulent. Sie entscheiden über unsere Innovations- und Veränderungsfähigkeit. Daher ist die professionelle Begleitung dieser Prozesse ein momentan noch kleiner und erklärungsbedürftiger, aber an Bedeutung wachsender Markt. Die Bereiche Stadt- und Regionalplanung, Architektur, Landschaftsarchitektur und Bau bieten sich an, um in dieses Feld einzusteigen, da in diesen Bereichen Beteiligungsverfahren vorgesehen und teilweise schon institutionell verankert sind. Die höchste Hürde, um in diesem Bereich erfolgreich aktiv sein zu können, ist die hohe Anforderung an die eigene Prozesserfahrung und Methodenkompetenz. Beides muss man sich über einen längeren Zeitraum erarbeiten. Es macht daher Sinn frühzeitig in diesem Bereich Erfahrungen zu sammeln und sich im Bereich von Verfahrens- und Methodenkompetenzen aus- und weiterzubilden.

Für uns im IPG heißt das auch, unsere eigene Arbeitsweise entsprechend zu strukturieren. Wir arbeiten in interdisziplinären, projektbezogenen Teams aus z.B. Landschaftsarchitekten, Architekten, Soziologen, Ökologen, Künstlern, Webdesignern und Bauingenieuren. Unsere Werkstätten bauen wir häufig vor Ort auf. Die Zusammenarbeit untereinander bewältigen wir auch mit Hilfe modernen Kollaborationswerkzeugen im Internet. Das macht uns flexibel, schlank und effektiv in der eigenen Organisation, die wir in den persönlichen Austausch und das gemeinsames Lernen im Team investieren können. In unserem Backoffice laufen die Fäden zusammen. Hier wird die professionelle Ausführung der Projektkonzepte durchgeführt.

Vermarktung und Kommunikation

Diese Arbeit erfordert neue Haltungen und Denkgewohnheiten. Daher ist es nicht immer leicht, unsere Angebote zu kommunizieren. Denn unsere Leistung ist die Organisation von Prozessen, die zudem noch ergebnisoffen sind. Auf die Frage: „Was kommt am Ende dabei heraus, wenn wir mit Ihnen arbeiten?“ können wir nur antworten: „Das wissen wir nicht, aber unsere Erfahrung lässt vermuten, das es etwas besonders Gelungenes ist, das ihre Probleme lösen wird.“

Wenn wir gefragt werden: „Wie arbeiten Sie?“ können wir kein Ablaufschema an die Wand werfen, dass wir Schritt für Schritt abarbeiten. Wir können jedoch Geschichten von anderen Prozessen erzählen und darauf hinweisen, dass jedes Projekt seine ganz eigene Dynamik entfaltet. Dabei arbeiten wir sehr strukturiert und methodisch. Erklären wir unsere Methoden, ist das Vielen jedoch zu abstrakt. Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit zu erfahren, was bei einem partizipativen Gestaltungsprozess passiert: man nimmt daran teil. Denn alle, die einen solchen Prozess erlebt haben, verstehen nachher, wie er funktioniert und warum er funktioniert.

Aus diesem Grund legen wir sehr viel Wert darauf, möglichst vielen Menschen die Teilnahme an partizipativen Gestaltungsprozessen zu ermöglichen. Uns ist es wichtig, die entstandenen Ideen in in konkret sichtbare Produkte und Ergebnisse umzusetzen, um zu zeigen, was mit partizipativem Gestalten machbar ist.

Gneisenau

Verantwortung, Bereitschaft und Engagement entsteht, wenn Menschen sich Zuhören. Die Möglichkeit eigene Ideen zu präsentieren, fördert die Selbstermächtigung.

Unsere stärkste Vermarktungsstrategie ist und bleibt daher der eigene Erfolg, unsere Authentizität und professionelles Querdenken. Das erzeugt Glaubwürdigkeit und wir freuen uns immer wieder, wenn insbesondere Behörden und ländliche Gemeinden bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten. Denn hier wird sehr viel Wert auf konkrete, umsetzbare Resultate gelegt, die wir selbstverständlich liefern. Für uns sind gerade diese Aufträge ein Beweis für die Stärke unseres Konzepts.

 

Wirtschaftliche Perspektiven für kleine und mittlere Unternehmen

Beteiligungs- und Zusammenarbeitsprozesse spielen eine immer größere Rolle: nicht nur in der Stadtplanung und im öffentlichen Leben, sondern auch im wirtschaftlichen Wettbewerb. Unternehmen müssen heute flexibel und agil in komplexen Zusammenhängen agieren und das „Wissen der Vielen“ für das Ziel eines „Designs für Alle“ nutzen können. So können sie Innovation, Effizienz und Flexibilität erfolgreich vereinen. Reine Expertenentwicklung oder das reine Abfragen von Bürger- und Kundenwünschen zu Marketingzwecken bleibt eindimensional und ermöglicht nicht die Vielfalt der Perspektiven, die innovative Produkte und Dienstleistungen heute auszeichnen müssen. Für kleine und mittlere Unternehmen gibt es daher zwei Strategien sich in diesem Bereich zu positionieren:

  1. Interne Beteiligungs- und Zusammenarbeitsprozesse:

Partizipation und Kollaboration können als Teil der eigenen Unternehmenskultur die Mitarbeiteridentität mit dem eigenen Unternehmen stärken, Produkte und Dienstleistungen deutlich verbessern, Teamfähigkeit, Kreativität und Eigenverantwortung fördern und Kunden stärker an das eigene Unternehmen binden. Dazu müssen intern entsprechende Strukturen aufgebaut werden. Zum einen werden Mitarbeiter oder externe Kräfte benötigt, die die Initiierung, Organisation, Durchführung und Umsetzung von kollaborativen Innovationsprozessen professionell begleiten können. Entsprechende Prozesse müssen im Unternehmen etabliert und kultiviert werden. Auch räumliche Strukturen müssen dafür in den Fokus genommen werden: Coworkingräume, Innovationslabore und Entwicklungswerkstätten sollten ebenso zum Standard eines modernen Unternehmens gehören wie Sitzungs- und Besprechungszimmer. Solche internen Räume müssen bewusst gestaltet, eingerichtet und ausgestattet sein. Verfügen Unternehmen über diese Strukturen werden sie optimal aufgestellt sein, insbesondere wenn sie in Bereichen arbeiten, in denen ein hoher Wandlungs- und Innovationsdruck herrscht.

  1. Beteiligungs- und Zusammenarbeitsprozesse als Produkt oder Dienstleistung:

In Bereichen, in denen Produkte und Dienstleistungen kundenspezifisch entwickelt werden – wie das besonders auch bei Architektur, Stadtentwicklung oder Verkehrsplanung der Fall ist – ist es sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, wie Bürgerinnen und Bürger bzw. Kunden allgemein frühzeitig und intensiv in die Entwicklungsprozesse eingebunden werden können. Üblich sind heute immer noch Prozesse, in denen Kunden in einem ersten Gespräch oder Interview über ihre Wünsche und Bedürfnisse befragt werden, die Firma daraufhin einen Entwurf für ein Projekt, ein Produkt oder eine Dienstleistung ausarbeitet, dieses noch mal mit dem Kunden bespricht oder präsentiert und dann umsetzt. Je nach Größe des Projekts kann dies in mehreren Schleifen geschehen. Dieses Vorgehen findet man ebenso bei der Erstellung von Webseiten, wie bei der Planung eines neuen Maschinenparks, dem Umbau eines öffentlichen Platzes oder der Umsetzung eines Veränderungsprozesses in einer Organisation. In unserem Institut verfahren wir dagegen anders: wir holen unsere Kunden in unsere Werkstatt, zeigen Ihnen, wie sie unsere Werkzeuge und Methoden benutzen können und beginnen unmittelbar mit der gemeinsamen Arbeit oder wir bringen sie mit zu unseren Kunden und arbeiten bei ihnen vor Ort.

Europäische Schule München

Schülerinnen und Schüler der Europäischen Schule München entwickeln Konzepte für die Gestaltung und Nutzung ihrer eigenen Mensa.

Dadurch verzahnt sich der Entwicklungsprozess, wird multiperspektivisch und beachtet weit mehr Aspekte, als wir als Experten alleine sehen und beantworten könnten. Die Ergebnisse werden dadurch innovativ, relevant für die späteren Nutzer, konkret umsetzbar und effektiv. Eine solche Arbeitsweise für die eigenen Angebote zu entwickeln, benötigt einiges an Prozessplanung, Kommunikation und Wissen über entsprechende Methoden. Hier bietet sich  aktuell eine große Chance: denn momentan ist eine solche Arbeitsweise noch ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal, das das eigene Unternehmen von klassisch arbeitenden Betrieben positiv absetzt und hervorhebt.

Der Artikel wurde veröffentlicht im DfA-Reader „Urbane Mobilität und Freiraumgestaltung für Alle – Konzepte und Marktchancen für kleine und mittlere Unternehmen“ des Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e.V.

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