Das Beste aus zwei Welten

Wie man jetzt gute Beteiligung gestaltet, die nicht nur digital ist

Onlinepartizipation spielt schon lange eine wichtige Rolle in öffentlichen Beteiligungsverfahren. Im Sinne von Transparenz und Inklusion ist es wichtig, das Internet zu nutzen. Es ist aber genauso wichtig Alternativen anzubieten.

Die Coronakrise macht es derzeit unmöglich, dass sich Menschen in Gruppen treffen können. Auch nach Aufhebung der meisten Ausgangsbeschränkungen müssen wir damit rechnen, dass es weiterhin Beschränkungen für Veranstaltungen mit vielen Teilnehmenden geben wird. Auch ist es möglich, dass in der Zukunft Beteiligung erneut unter „ nicht normalen“ Bedingungen statt finden kann oder muss.

Partizipationsverfahren leben vom persönlichem Austausch und den Erfahrungen, die Menschen in der Zusammenarbeit miteinander machen und von den Auseinandersetzungen mit Themen, die sie beschäftigen. Gerade bei besonderen Herausforderungen und in Krisenzeiten ist es wichtig, demokratische Teilhabe und gemeinsame Lösungsfindung zu ermöglichen.

Der Idee folgend, dass es nur die richtigen Werkzeuge braucht, damit ein Beteiligungsprozess funktioniert, liegt der Gedanke aktuell nahe, Beteiligung komplett ins Netz zu verlagern und dort mehr und umfangreichere Werkzeuge anzubieten. Folglich gibt es gerade viele Angebote für neue Onlinewerkzeuge oder neue Features für bestehende Werkzeuge, in der Hoffnung, dies könnte die bisherige Beteiligung ersetzen und neue Geschäftsmodelle erschließen.

Wir im Institut für Partizipatives Gestalten verfolgen einen anderen Weg. Wir fragen uns, was gelingende Beteiligung benötigt und wie wir die dafür notwendigen Qualitäten auch unter erschwerten Bedingungen erreichen können. Für einen optimalen Prozess wählen wir vorhandene und neu zu entwickelnden Methoden, verbinden Online-Werkzeuge und Methoden für Einzel- und Kleingruppenarbeit und kombinieren entsprechende Kommunikationskanäle.

Der IPG Ansatz

Haltung

Wir stehen dafür,

  • die konkrete und fachliche Auseinandersetzung mit Themen, Planungen, Positionen, Orten und Konzepten in der Beteiligung zu unterstützen.
    Jede Entscheidung und jeder Entwurf benötigt eine fachliche Basis. Wir möchten auch Laien die Möglichkeit geben, sich in fachliche Themen einarbeiten zu können, damit eine fundierte Bewertung und Entwicklung stattfinden kann.
  • den persönlichen Austausch von Menschen untereinander zu fördern, wertzuschätzen und zu vertiefen, wo immer es uns möglich ist.
    Zum Diskutieren von Positionen und Entwickeln gemeinsamer Lösungen ist es notwendig, dass sich Menschen authentisch begegnen, ihre Geschichten, Emotionen und Beweggründe miteinander teilen können und sich auf diese Weise tiefer miteinander beschäftigen und gegenseitig kennenlernen. Unsere Erfahrung zeigt uns, dass gute Entscheidungen, Entwürfe und Empfehlungen aus Empathie füreinander entstehen.
  • Räume zu schaffen, in denen Dynamiken, Prozesse und Konflikte, die sich aus unterschiedlichen Positionen und Wahrnehmungen ergeben, bearbeitet werden können.
    Wir erleben, dass es ein grundlegendes Bedürfnis vieler Menschen ist, an sich selbst und miteinander zu wachsen, sich zu entwickeln und sowohl individuelle als auch kollektive Potentiale zu fördern. Dafür müssen wir in einem sicheren, moderierten Rahmen Konflikten und Krisen bearbeiten können und die Weichen für positiven Wandel stellen.
  • neue Zukunftsperspektiven kokreativ zu entwickeln.
    Wenn Menschen komplexe Projekte planen, entwickeln und entwerfen, benötigen wir eine Kreativität, die daraus entsteht, dass wir die oben genannten Möglichkeiten der Auseinandersetzung ermöglicht haben. Wenn wir miteinander, zu den Themen in Beziehung stehend und entwurfsorientiert arbeiten, entstehen neue Räume, Konzepte, Ideen, Empfehlungen und Produkte, die tatsächliche Probleme lösen, Anforderungen gewachsen sind und Bedürfnisse stillen. 

Prinzipien

Aus dieser Haltung ergeben sich für uns Planungsprinzipien für Beteiligung, die wir auch unter erschwerten Bedingungen, wie z.B. der aktuellen Coronakrise umsetzen können und wollen. Diese Prinzipien sind:

  • Die Nutzung aller Kommunikationskanäle einbeziehen:
    Es gibt nicht nur das Internet als Alternative zur direkten Begegnung. Daneben gibt es auch Post (Briefe und Pakete), Telefon, Medien wie Radio und Fernsehen, die in Beteiligungsverfahren als Kommunikationskanäle eingesetzt werden können.
  • Den Fokus auf Inklusion legen:
    Wir wissen, dass die neusten Internettechnologien noch nicht Allen im gleichen Maß zur Verfügung stehen und auch neue Hürden aufbauen können. Unser Anspruch ist es jedoch, einem größtmöglichem Publikum die Teilnahme an einem Beteiligungsprozess zu ermöglichen. Mit diesem Anspruch prüfen wir alle von uns genutzten Methoden und Formate auf ihre Eignung.
  • Begegnungen soweit möglich auf verantwortungsvolle Weise ermöglichen:
    Wenn Begegnungen mit Mindestabstand oder Begegnungen von kleinen Gruppen wieder möglich werden, kann man diese Möglichkeiten verantwortungsvoll nutzen. Z.B. durch Open Air Treffen mit Abstand, kleine Fokusgruppen, Podiumsdiskussionen, Kettenbegegnungen mit Abstand und deren Übertragung im Internet. 
  • Methoden mit Augenmaß digitalisieren:
    Wenn durch die Digitalisierung Qualitäten verloren gehen, die für eine Methode entscheidend sind (z.B. persönliche Wahrnehmung), suchen wir nach alternativen Methoden, die die gewünschte Qualität gewährleisten. Methoden, die nichts an ihrer Qualität verlieren (z.B. Fragebögen), sollten dagegen umfassend ins Internet übertragen werden.
  • Neue Methoden entwickeln:
    Als Methodenarchitekten sind wir es gewohnt, Methoden als Maßanfertigung zu entwickeln. Ohne die Möglichkeiten, die die Arbeit in größeren Gruppen bietet, müssen wir neue Methoden entwickeln, um gleiche und ähnliche Qualitäten in der Zusammenarbeit zu ermöglichen.
  • Die Kontinuität aller formeller und informeller Verfahren aufrecht erhalten:
    Wir sind uns der Relevanz der Kontinuität von öffentlichen Verfahren bewusst. Unsere Verfahren gestalten wir daher auch unter gegebenen Bedingungen so, dass diese Kontinuität weiterhin gegeben ist.

Werkzeuge

Unter Werkzeugen verstehen wir Methoden und Verfahren für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsbeteiligung. Im Folgenden geben wir einen kleinen Überblick über mögliche Werkzeuge, die wir im Zuge der Verfahrensentwicklung kombinieren können, wenn persönliche Begegnungen eingeschränkt sind:

Ausschließlich online

  • Onlineforen (z.B. Discussionboards)
  • Bewertungen, Umfragen und Abstimmungen
  • Austausch und gemeinsames Bearbeiten von Dateien (z.B. über Clouds wie Nextcloud)
  • kollaboratives Schreiben, Zeichnen (Online Whiteboards, Nextcloud, Pads)
  • Videotelefonate und -konferenzen (Zoom)
  • Blogs, Youtubekanäle, Podcasts, Streams

Onlinevarianten normaler Veranstaltungsformate

  • Gruppenarbeiten, Webinare, Vorlesungen, Präsentationen
  • Open Space Online, Barcamps Online, Hackathons Online
  • Diskussionen, Foren, Podiumsdiskussionen, Fishbowls
  • Abstimmungstools (doodle, adhocracy etc)

Kommunikationsmöglichkeiten ohne Begegnung und ohne Internet

  • Telefonanrufe und Telefonabende
  • Briefe, Kettenbriefe, Pakete
  • Kommunikation über Radio und Fernsehen (z.B. Regionalsender)
  • Distanzgespräche
  • nonverbale Kommunikationsformen (z.B. Kunst, Musik)

Formate, die bei teilweiser Beschränkung möglich werden:

  • Fokusgruppen
  • kleine Exkursionsgruppen
  • wechselnde kleine Arbeitsgruppen vor Ort
  • Wahrnehmungs-, Analyse- und Reflexionsmethoden
  • Kreativ- und Innovativmethoden
  • Visualisierungen, Aufstellungen und Prozessarbeitsmethoden

Verfahrensgestaltung

Ein gutes Verfahren besteht für uns in der sinnvollen Kombination dieser und anderer möglicher Werkzeuge für ein konkretes Beteiligungsvorhaben. Aus diesem Grunde bieten wir prinzipiell kein Gesamtpaket oder fertige Formate oder Onlinetools an, dessen Logik sich der Prozess anpassen muss. Stattdessen entwickeln wir für jedes Beteiligungsvorhaben ein neues speziell abgestimmtes Verfahren, das den Prozess, das Thema und die Aufgabenstellung bestmöglich unterstützt. Seit vielen Jahren kann man dieses Verfahrensdesign in unserer Ausbildung, unseren Workshops, sowie in unserem künftigen Cocreators Training erlernen.

Sinnvolle Verfahren entstehen erst aus dem bewussten Design einer Kombination von Werkzeugen: online und offline. Ein solches Vorgehen funktioniert gerade auch unter erschwerten Bedingungen, wie jetzt in der Coronakrise. Im IPG haben wir in 14 Jahren Praxis eine eigene Methodologie der Verfahrensgestaltung entwickelt, die gerade jetzt, unter erschwerten Bedingungen, ihr volles Potential entfaltet. So gelingt es uns trotz Kontaktbeschränkungen inhaltliche Ziele in hoher Qualität zu erzielen.

Jascha Rohr, Institut für Partizipatives Gestalten, 9.4.2020

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