Kollaborative Demokratie und das Internet

Klärung des Begriffs Kollaborative Demokratie

Der positiv belegte Begriff der Kollaboration kommt als Schlagwort vornehmlich aus dem Internet in den deutschsprachigen Raum. Er wird parallel zu den Möglichkeiten und Werkzeugen verbreitet, die das Internet zur Verfügung stellt. Das hat dazu geführt, dass mit dem Begriff der Kollaborativen Demokratie manchmal eine Art Internetdemokratie assoziiert wird, oder zumindest eine Demokratie, die durch die Werkzeuge und Möglichkeiten des Internets angereichert wird. Mir ist es jedoch wichtig zu betonen, dass ich mit der Kollaborativen Demokratie nicht vornehmlich für neue Demokratiewerkzeuge im Internet plädiere oder politische Prozesse stärker ins Internet verlegen möchte! 

Im Gegenteil möchte ich den positiv besetzen Begriff der Kollaboration aus dem Internet herausholen und auf das Denken hinter diesen Werkzeugen hinweisen: lasst uns von den Werkzeugen, Methoden und Verfahren, die im Internet entwickelt wurden, lernen, um sie auch im reellen Leben in Prozessen an konkreten Orten und mit konkreten Menschen angepasst zu verwenden. Zentral an diesem Denken hinter Kollaborationswerkzeugen im Internet ist die Funktion des Ermöglichens. Nicht Probleme und Kritik stehen im Vordergrund, sondern der intelligente Einsatz von informationellen und kommunikativen Technologien, die es Menschen ermöglichen, transparent und in offenen, kreativen Prozessen Probleme zu lösen und sich Herausforderungen zu stellen. Diese Grundhaltung ist meiner Meinung nach nicht an Silizium gebunden und kann und sollte sich durchaus auch in sozialen, organisationellen und kulturellen Techniken und Praktiken niederschlagen.

Jeder Prozess (in diesem Fall politischer Prozess) muss seinem Inhalt und seinem Kontext entsprechend konzipiert und gerahmt werden – im Institut für Partizipatives Gestalten nennen wir das einen generativen Prozess. Dazu gehört eine Auswahl an Verfahren, Methoden und Werkzeugen, die den Prozess in seinem jeweiligen Kontext unterstützen – selbstverständlich auch virtuell, aber in erster Linie reell! Denn nach wie vor sind die intensivsten und produktivsten Gestaltungs- und Transformationsprozesse diejenigen, in denen sich Menschen Auge in Auge begegnen und sich unvermittelt miteinander auseinandersetzen können.

Das Internet und die bereitgestellten virtuellen Werkzeuge können dafür guter Zusatz sein, ein „Enhancement“. Häufig sind virtuelle Werkzeuge auch zwingend notwendige Bestandteile von Prozessen, insbesondere wenn viele und/oder weit verstreut lebende Menschen beteiligt sind. Doch Prozesse, die ausschließlich im Internet stattfinden, bleiben weit hinter den Möglichkeiten und der Tiefe von reellen Prozessen zurück.

Daher: Kollaborative Demokratie ermöglicht Prozesse der demokratischen Zusammenarbeit und lässt sich dabei von Ansätzen moderner Informationstechnologien inspirieren, die zeigen, dass auf vielfältige Weise Kommunikation und Zusammenarbeit organisiert werden kann. Die Möglichkeiten des Internets können und müssen bei der Konzeption von Prozessen der Kollaborativen Demokratie in Betracht gezogen werden – wie alle anderen Werkzeuge, Methoden und Verfahren auch. Die Kollaborative Demokratie ist aber keine explizit neue virtuelle Netzdemokratie. Sie versucht im Gegenteil, die Akteur*innen räumlich, zeitlich und inhaltlich so nah miteinander in Beziehung zu setzen wie möglich.

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