It’s the community, stupid!

Gutes Zusammenleben durch partizipative Kommunalentwicklung

Von Jascha Rohr (09/17)

1992 nutzte Bill Clinton in seinem Wahlkampf den Ausspruch: „It’s the economy, stupid!“ – „Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!“ Die Wirtschaftslage sei der entscheidende Faktor für die Entwicklung der Vereinigten Staaten und für seinen Wahlgewinn.

Wenn wir auf Entwicklungsaufgaben heutiger Kommunen gucken, ist die wirtschaftliche Lage ein zentrales Thema. Doch gibt es vielleicht etwas, das noch wichtiger für die positive Entwicklung von Kommunen ist: es ist die „Community“, die Gemeinschaft der Menschen, die in einer Kommune zusammenlebt und zusammenarbeitet, um ihr Gemeinwesen und Gemeinwohl zu gestalten. Was bewegt sie? Wo möchten sie hin? Welche Wünsche, Bedürfnisse, Träume und Hoffnungen haben sie? Welche Zukunft liegt vor ihnen?

Kommune bedeutet Gemeinschaft. Kommunen sind die Organisationsform, mit denen wir unser Zusammenleben gestalten und unsere Zukunft entwickeln. Sie sind die Instanz, mit der wir lokal auf die kontinuierlichen und komplexen Veränderungen, Herausforderungen und Trends reagieren, denen wir uns aktuell gegenüber sehen. Doch entwickeln wir dieses Zusammenleben wirklich nach besten Möglichkeiten? Welche gemeinsamen Anstrengungen sind für eine positive Zukunft notwendig? Und wie können Politik und Verwaltung zukünftig ihre Rollen ausfüllen, um diese Entwicklungen zu unterstützen und zu begleiten?

Bürgerinnen und Bürger ebenso wie andere kommunale Akteursgruppen treten heute vielfach selbstbewusst, informiert und fordernd gegenüber Politik und Verwaltung auf und wollen aktiv an wichtigen Entwicklungen beteiligt werden. Noch immer wird das in einigen Rathäusern und Verwaltungen als Störung im Betriebsablauf gesehen.

Dabei sollten gerade die Kommunen, in denen besonders viel Entwicklungsarbeit zu leisten ist, offen gegenüber Einmischungen sein. Denn Engagement ist Unterstützung, selbst wenn es kritisch ist, denn Engagement signalisiert Verantwortung, Interesse und neue Perspektiven. Politik und Verwaltungen können nicht mehr alle Entwicklungsaufgaben alleine bewältigen. Sie benötigen die Erfahrungen, Informationen und Kompetenzen aller. Daher entwickeln moderne Kommunen in konstruktiven Beteiligungsprozessen Lösungen mit allen relevanten und interessierten Akteuren: für bessere Bildung, Mobilität, Energie, Umwelt, Wohnungsbau, Innenentwicklung und vieles mehr. Politik und Verwaltung sind Begleiter, Ermöglicher, Gestalter und Moderatoren kommunaler Entwicklungsprozesse. Sie schaffen Räume und Möglichkeiten für die bestmögliche Kommunalentwicklung. Arbeit und Verantwortung verteilt sich in partizipativen Projekten auf viele Schultern, ebenso Erfolg und Freude, wenn gemeinsam etwas bewegt wird.

 

 

So verstanden ist Beteiligung mehr als zusätzliche Veranstaltungen. Sie ist eine innere Einstellung, die sich durch alle Aufgabenbereiche zieht. Um eine Kommune erfolgreich partizipativ zu entwickeln, sind die folgenden vier Aspekte entscheidend:

  • Projektarbeit: Entwickeln Sie Ihre Kommune in partizipativen Projekten, die einen klaren Anfang, ein klares Ende und ein sichtbares Ergebnis haben. Ermöglichen Sie allen relevanten und interessierten Akteuren, sich zu beteiligen.
  • Führungsstil: Führen Sie offen, transparent und auf Augenhöhe. Blockieren Sie Engagement nicht, sondern unterstützen Sie es. Wertschätzen Sie Engagement und den Wunsch nach Beteiligung als höchstes Gut in Ihrer Kommune, auch wenn es das eigene Handeln in Frage stellt.
  • Organisationsentwicklung: Entwickeln Sie Ihre internen Entscheidungs- und Organisationsstrukturen so, dass Sie flexibel und agil handeln können, Transparenz und Mitbestimmung auf allen Ebenen ermöglichen und Potentiale und Eigenverantwortung aller fördern. Schaffen Sie Raum für kreatives Denken und unkonventionelles Handeln.
  • Weiterbildung: Bilden Sie sich und Ihre Kolleg*innen in Themen wie Projektmanagement, Beteiligungsverfahren, Kommunikations- und Moderationstechniken sowie Prozessbegleitung weiter. Behandeln Sie Beteiligung nicht stiefmütterlich, sondern als ernstzunehmendes professionelles Managementwerkzeug.

Eine funktionierende engagierte Gemeinschaft ist die Basis für Zukunftsfähigkeit und ein gutes Zusammenleben vor Ort. Gemeinschaften aufzubauen und in Beteiligungsprozessen zu begleiten, ist eine erfüllende Herausforderung. Wenn es gelingt, offen, angstfrei und wertschätzend miteinander umzugehen und gemeinsame Erfolge zu feiern, ist partizipative Entwicklung gewinnbringend für alle Akteure – und bereichert die tägliche Arbeit in Politik und Verwaltung.

Dieser Text erschien zuerst in „Der Gemeinderat“ 9/2017

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