Geschichten aus dem Feld: Karate Kid & die Kaospiloten

Resonanzphänomene in der Verfahrensgestaltung

Neulich las ich „Die Frau, die nicht lieben wollte: und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“. Der Psychoanalytiker S. Grosz erzählt auf tolle Art, was er von seinen Klient*innen durch Resonanz alles lernt. Das hat mich an unsere Workshopgestaltung für die Kaospiloten erinnert …

Wir waren von den Kaospiloten zu einem eintägigen Workshop nach Aarhus in Dänemark eingeladen worden. Die Kaospiloten sind eine internationale Schule für soziale Unternehmer*innen, die mit ihren Projekten positiven Wandel bewirken wollen.

Die Student*innen des zweiten Jahres sollten bald ein partizipatives Projekt durchführen. Unsere Aufgabe war es, sie bei der Planung von lebendigen Wandlungsprozessen in Unternehmen und Projekten zu unterstützen. Weitere Vorgaben an uns gab es nicht, aber eine Ansage: „Es wäre schön, wenn Ihr uns mit Eurem Prozess aus unserer Komfortzone heraus bringen würdet“, hieß es. Gleichzeitig wurde uns vermittelt, dass die Kaospiloten diese eigentlich gar nicht haben (sie also auch nicht verlassen können). Sie sind es gewohnt, die „Welle zu surfen“, also eh permanent außerhalb einer Komfortzone unterwegs zu sein – wir waren gespannt!

Zusammen mit zwei Praktikantinnen machten Jascha und ich (Sonja) uns auf den Weg. Als wir gegen Abend in den Räumlichkeiten ankamen, wurden wir von unserem Koordinator Benjamin herzlich begrüßt. Ein kurze Führung machte klar: Die Piloten machten dem Wort „Chaos“ alle Ehre. Ganz ehrlich: wir waren schockiert – und wir haben schon einiges gesehen. Wir saßen in unserem Arbeitsraum und schauten uns staunend um. Eine unserer Praktikantinnen wendete sich an Benjamin: „Ich frage mich, wie ihr hier strukturiert arbeiten könnt?“ Benjamin überlegte kurz und antwortete: „Hm, ich glaube, das ist bis jetzt noch gar nicht nötig gewesen!“

Normalerweise richten wir unseren Arbeitsraum vor einer Veranstaltung sorgfältig ein. Diesmal war Jascha jedoch so empört, dass wir beschlossen, den Raum genau so zu belassen, wie wir ihn vorgefunden hatten. Am Abend dachten wir über unser geplantes Workshopkonzept noch einmal nach. Das würde nicht funktionieren, soviel war klar.

Jascha hatte Benjamin während der Vorbereitung gefragt, was zur Zeit sein Lieblingsfilm sei (er war krank und wollte einen Film schauen …). Benjamin hatte berichtet, dass er und seine Mitstudierenden zur Zeit voll auf die Neuverfilmung von „Karate Kid“ abfahren würden. Nun erinnerte sich Jascha an den Film und zeigte mir die Schlüsselszene, in der „Karate Kid“ wochenlang seine Jacke ausziehen, auf den Boden werfen, wieder aufheben, an den Haken hängen, vom Haken nehmen, wieder ausziehen, auf den Boden werfen muss usw. Uns ging ein Licht auf: Wenn es bei den Kaospiloten an etwas fehlte, dann an Struktur und hier war sie: „Karate Kid“ übt wochenlang mit Unmut, aber Disziplin, eine Bewegung, die – ohne, dass er das weiß – der Beginn seiner Meisterschaft sein wird. Wir beschlossen, den kommenden Tag angelehnt an diese Szene durch Wiederholung strukturiert und diszipliniert zu gestalten. Im Zwanzig-Minuten-Takt planten wir eine Verfahrensstruktur mit einzelnen Einheiten: Aufgabe klären, Aufgabe durchführen, präsentieren, nächste Aufgabe klären, Aufgabe durchführen, präsentieren, …

Am nächsten Morgen warfen Jascha und ich uns in Schale, wir trugen beide gemäßigt, aber dennoch: Anzug. Das war die erste Irritation. Sie wirkte sofort, das war bei unserer Ankunft im Gebäude zu spüren. Jascha begann den Workshoptag mit einer Einführung. Er sprach über den Zusammenhang zwischen Raumgestaltung, Atmosphäre und Kreativität. Er fragte die Gruppe, was sie in folgender Situation tun würden: „Ihr werdet als Team engagiert, einen besonders kreativen Prozess in einem Unternehmen durchzuführen. Als Ihr dort ankommt, stellt Ihr fest, dass Ihr in einem länglichen Raum arbeiten werdet, der vollkommen ausgefüllt ist mit einem Konferenztisch plus Bestuhlung. Der ganze Raum ist in schwarz-weiß gehalten, es gibt keine Bilder. Die Teilnehmer sind ausschließlich weiß und männlich, alle tragen Anzug und Schlips.“

Nach kurzem Nachdenken sagte einer der Student*innen:“Ich würde den kreativen Prozess dadurch in Gang setzen, dass ich das, was vorhanden ist, noch einmal so verstärke, dass es offensichtlich wird.“ Jascha nahm den Faden auf: „Gute Idee, das machen wir! Was seht Ihr, wenn Ihr Euch hier in Eurem Arbeitsraum umschaut?“ Antwort:“Unordnung und Schmutz.“ Damit war die Aufgabe klar:“Ihr habt jetzt zehn Minuten Zeit, um das, was Ihr hier seht, so stark zu verstärken wie nur möglich.“ Der Satz war gerade zu Ende gesprochen, da flog bereits die erste mit Kaffee gefüllte Tasse durch den Raum. Innerhalb von wenigen Minuten war der Raum so vermüllt und chaotisch, dass ich es nicht fassen konnte. Auch das Sekretariat, nur durch eine Glasscheibe von unserem Seminarraum getrennt, schaute schockiert dem Treiben zu.

Nachdem das Chaos perfekt war, gaben wir die nächste Aufgabe aus: den Raum so zu säubern und einzurichten, dass diszipliniertes Arbeiten möglich sein würde. Dann starteten wir in unsere eigentliche Arbeit. Das viel den Meisten ziemlich schwer. „Was soll Struktur denn mit Kreativität zu tun haben? Was soll das Ganze? Warum habt Ihr einen Anzug an?“ waren die häufigsten Fragen, die wir an diesem Tag hörten. Wir versprachen, am Ende des Tages über unser Workshopkonzept auf allen Ebenen zu sprechen und baten darum, die Tagesgestaltung einfach mitzumachen und erst im Nachhinein zu beurteilen, ob das gut war und was es gebracht haben würde.

Am Ende des Tages waren wir auf ein Drittel der Teilnehmer*innen geschrumpft.  Mit den Verbliebenden entspann sich eine lebhafte Diskussion. Wir erklärten unsere Gedanken und unser Konzept dazu. Wie wir durch die Begeisterung der Studienklasse für den Film „Karate Kid“ zu der Vermutung gelangt waren, dass die Haltung des „Kung Fu“ – verstanden nicht als Kampfkunst, sondern im ursprünglichen Sinne als ‚die Arbeit an der eigenen Person durch die konsequente Hingabe an eine Kunstfertigkeit‘ – etwas war, das die Kaospiloten zwar faszinierte, sie aber im Alltag nicht praktizierten. Dass wir uns gefragt hatten, ob ein Tag disziplinierte Arbeit an ihrem Projekt etwas sei, was sie mitmachen, ja verkraften würden. Über den Zusammenhang von Kreativität und Kunstfertigkeit im Sinne von „Kung Fu“. Eines war allen klar: die Aufgabe, die Kaospiloten aus ihre Komfortzone zu katapultieren, hatten wir erfüllt. Die Student*innen, die noch da waren, waren begeistert und auch sprachlos über den eigenen blinden Fleck für ihre Komfortzone „Das kreative Chaos“ und darüber, dass sie so leicht aus der Fassung zu bringen gewesen waren.

Das war ein intensiver und skurriler Workshoptag für uns und sicher auch für die Kaospiloten. Darüber hinaus lässt sich an diesem Erlebnis sehr gut die Verfahrensgestaltung auf Grundlage von Resonanzphänomenen aufzeigen. Wir konnten nicht vorab nach Aarhus fahren, um durch Felderforschung oder „Abhängen im Feld“ (eine meiner Lieblingsmethoden) die Chaospiloten zu verstehen – und das Verstehen des Feldes ist Voraussetzung, um ein stimmiges (Workshop-)Konzept zu entwerfen. Der Film „Karate Kid“, der uns vor die Füße fiel, hat als Lieblingsfilm der Studienklasse den entscheidenen Hinweis geliefert. Die starke Resonanz der Studierenden auf den Film und die starke Resonanz von Jascha auf die für unsere Arbeit entscheidende Szene hat uns den Schlüssel geliefert.

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