Geschichten aus dem Feld: Als aus der Berliner Mitte ein Ort für Alle wurde

Planungsorientierte Partizipation

Manchmal wird Beteiligung als Plattform verstanden, auf der Partikularinteressen in der Erwartung gegeneinander antreten, das beste Argument (also das eigene) solle gewinnen. Gemeinsam zu gestalten anstatt ein Wünsch-Dir-was-Konzert zu veranstalten, macht dagegen nicht nur mehr Spaß, es bringt auch gemeinsame Lösungen hervor.

Die Berliner Mitte, das ist der Raum zwischen Fernsehturm und Spree. Sie ist das letzte prominente innerstädtische Gebiet, dessen Nutzung und Gestaltung noch nicht festgeschrieben ist. Über die Jahrhunderte hinweg wurde dieser Ort mit Bedeutung aufgeladen und nach der jeweils herrschenden Weltanschauung rigoros beplant. Gleichzeitig liegt die Berliner Mitte vielen Menschen am Herzen und bietet Raum für starke Identifikationen. Wen wundert es da, dass seit Jahrzehnten heftig über die zukünftige Gestaltung debattiert wurde?

Im Jahr 2015 sollte die „Stadtdebatte Alte Mitte – neue Liebe?“ Klarheit schaffen. Unsere Aufgabe bestand darin, in für alle Interessierten offenen Fachkolloquien und Bürgerwerkstätten die inhaltliche Grundlage für Bürgerleitlinien zu erarbeiten, die im Nachgang dem Abgeordnetenhaus zur Abstimmung vorgelegt werden sollten. Wir starteten mit zwei dialogorientierten Fachkolloquien. Es zeigte sich schnell: auch wenn manchmal mit einem kurzen Flackern neue Aspekte aufschienen, so teilten sich die Anwesenden im wesentlichen in drei Hauptgruppen:

  • Die Neugestalter*innen diskutierten eine Neukonzeption entlang der Frage nach der heutigen und zukünftigen Bedeutung der Berliner Mitte. Gestalterisch forderten sie Freiflächen und einen öffentlichem Raum.
  • Die Historischen wünschten die Reproduktion bürgerlicher Gesellschaftsordnung mittels „schöner“ historischer Stadtbilder und forderten einen kleinteiligen Wiederaufbau der historischen Mitte durch Umsetzung urbaner Konzepte des 19. Jahrhunderts.
  • Die Verfechter*innen des Jetzt-Zustands stellten das „Alles soll so bleiben, wie es ist!“ in den Mittelpunkt ihres Diskurses, stellenweise mit Hinweis auf die DDR-Moderne. Das äußerte sich gestalterisch in der Forderung nach Denkmalschutz und dem Erhalt sowie der Aufwertung von Bestandsqualitäten.

Die Positionen waren stark und fest, stellenweise gab es fertige Konzepte. Die Komplexität und Emotionalität der Thematik war dauerhaft präsent. Jede Bedeutungsschicht des Ortes spiegelte sich in verschiedenen Beteiligten wider, die sich mit ihnen besonders identifizierten und für ihre Belange eintraten. Es wirkte manchmal so, als gäbe es ein Skript mit festen Rollen, auf die sich die jeweils Anwesenden verteilten – egal ob Anwohner*innen, Stadt- oder Fachöffentlichkeit.

Nun stand die erste Bürgerwerkstatt an. Der Charakter der Veranstaltung durfte jetzt ein anderer sein: mehr Werkstatt-Atmosphäre und kreatives Arbeiten war gefragt. Wir sahen unsere Chance gekommen, die festgefahrenen Diskurslinien durchbrechen zu können. Endlich würden wir planungsorientiert arbeiten können. Wir beschlossen, das starke Thema der vielfältigen Schichten, die diesen Ort mit (Be-)Deutungen aufluden, aufzunehmen und methodisch umzusetzen.

Natürlich gab es zu Beginn der Werkstatt Vorarbeiten zu leisten. Wir informierten über den Stand der Diskussion, entlockten allen Anwesenden wirklich tolle Mental Maps (innere Landkarten) zur Berliner Mitte und schlossen mit einer Leitbildarbeit an, die die im Prozess aufgetauchten Hauptfragen adressierte. Dann wechselten wir auf den Plan. Auf einen Bestandsplan wurde die erste Schicht aus Transparentpapier gelegt. Wir baten die elf Tischgruppen, zunächst aktuelle Nutzungen zu benennen und auf ihre Zukunftsfähigkeit hin zu bewerten. Ein kurzes Blitzlicht zeigte: die heutigen Nutzungen wurden von Allen positiv bewertet. Dann kam eine zweite Schicht darüber: zukünftige Nutzungen konnten auf einem weiteren Layer ergänzt werden. Es folgte die dritte Schichtung. Alle gefundenen Nutzungen, die mit der vorangegangenen Leitbildarbeit übereinstimmten, konnten neu arrangiert und auf den Plänen verortet werden.

Wir hatten die Hoffnung, dass die planerische Arbeit an einem Nutzungsprogramm Bewegung in das Thema bringen würde und waren entsprechend gespannt auf das Ergebnis. Auch Senatsbaudirektorin Frau Lüscher war gekommen, um bei der Präsentation der Ergebnisse dabei zu sein. Die Pläne wurden nebeneinander aufgehängt und nacheinander vorgestellt. Alle Gruppen führten einstimmig aus,

  • dass die bisherigen Nutzungsmöglichkeiten der Berliner Mitte zum größten Teil sinnvoll sind. Sie sind nur nicht mehr zeitgemäß ausgeführt, schlecht gepflegt oder in einem desolaten Zustand.
  • dass diese Nutzungen erhalten bleiben, aber auf ansprechende und hochwertige Art und Weise restauriert bzw. neu gestaltet werden sollten.
  • dass die Berliner Mitte ein öffentlicher Ort sein und es keine Privatisierung, auch nicht bei Wohnbebauung geben soll.
  • dass die Berliner Mitte die Möglichkeit bieten soll, sich aufhalten zu können, ohne konsumieren zu müssen.
  • dass die Berliner Mitte auch weiterhin ein Ort des Verweilens sein soll, an dem sich Berliner*innen genauso wie Tourist*innen erholen können und lungern dürfen.
  • dass der Platz vor dem Roten Rathaus als besonderer Ort der Öffentlichkeit gestaltet werden soll, an dem kulturelle Nutzungen und vor allem ein öffentlicher politischer Diskurs stattfinden können soll.

Darüber hinaus gab es viele weitere gute Nutzungsvorschläge auf diverse Pläne verteilt. Neun Tischgruppen machten den Vorschlag, einen Freiraum der Mitte der Berliner Mitte vorzusehen, die sowohl den Blickbezug zwischen Schloss und Fernsehturm freihält als auch kostenlose Freiraumnutzungen vorhält. Acht Gruppen brachten Ideen ein, wie die Spree an die Berliner Mitte angebunden werden könnte, zum Beispiel durch Abstufungen wie bei einem Amphitheater.

Wir waren an diesem Nachmittag alle erstaunt, die Mitwirkenden genauso wie diejenigen, die zur Präsentation gekommen waren. Damit hatte wohl keine*r von uns gerechnet. Das war der erste Moment, als aus einem durch diverse Weltanschauungen hart umkämpften Raum ein Ort für Alle wurde. Statt weiter in Diskussionen zu verharren, ist es an diesem Tag gelungen, gemeinsam Vorschläge im Sinne des Gemeinwohls zu entwerfen. Wir haben dazu nicht nach mehrheitsfähigen Vorschlägen oder einen Konsens gesucht, sondern durch die planerische Arbeit mit Bedeutung und Schichten zusammen Lösungen gefunden.

Die zehn Bürgerleitlinien, die aus dieser Arbeit entstanden sind, sollten im Mai 2016 durch das Abgeordnetenhaus zur Kenntnis genommen werden. Das Abgeordnetenhaus ist an diesem Tag unerwartet weiter gegangen und hat die Bürgerleitlinien als beschlossen verabschiedet. Die Berliner Mitte ist ihrer Identität als Ort, an dem sich immer wieder wichtige politische Impulse verortet haben, treu geblieben.

 

Projektpartner

Architekturvermittlung Veronika Brugger mit Stephan Kurr, freier Künstler und Philipp Wehage, DMSW Architekten
Open-Air-Ausstellung sowie wissenschaftlich und künstlerisch angeleitete Erkundungen

Grotest Maru
„Berliner Luft“ – Partizipatives Theater im Stadtraum

Zebralog
Geschäftsstelle, Onlinedialog, Auftakt, Halbzeit- und Abschlussforum

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