Geschichten aus dem Feld: Ach wären wir doch alle ein bisschen Sannum!

Gestalt und Prozess: Zwei Seiten einer Münze

Wir sind überzeugt, dass es einen wahrnehmbaren Unterschied macht, wie etwas entsteht. Gestaltung spricht uns auf vielen Ebenen an, nicht nur visuell oder taktil. Wir spüren Orte, wir sind emotionale Wesen – mehr, als wir Planer*innen manchmal zu glauben vermögen ….

Die Einrichtung der Stiftung Gertrudenheim, die in Sannum am Rande der Wildeshauser Geest in einer reizvollen Landschaft liegt, litt an ihrer fehlenden Barrierefreiheit und dem vorherrschenden Charme eines in die Jahre gekommenen Ortes. Die Einrichtung – damals noch „Haus Sannum“ genannt – ist ein Wohnheim und Arbeitsort für 120 erwachsene Menschen mit einer geistigen, seelischen oder mehrfachen Behinderung.

Im Herbst 2010 führten wir hier eine 3,5-tägige Planungswerkstatt zur Neugestaltung der Freiräume mit 22 Bewohner*innen, Mitarbeiter*innen, der Leitung der Einrichtung sowie der Geschäftsführung des Trägerverbandes vor Ort durch. Die Idee war bei einer gemeinsamen Erkundungstour über das Gelände entstanden. Der Besuch des Sommerfestes hatte uns auf die Idee gebracht, den Einrichtungsleiter anzusprechen. Unser Vorschlag, in einer Planungswerkstatt zusammen mit Vertreter*innen aus allen Bereichen – Bewohner*innen, Mitarbeiter*innen, Leitungsebene sowie Fachexpert*innen – zu arbeiten, stieß auf Begeisterung.

Die ersten beiden Tage während der Planungswerkstatt lernten wir gemeinsam als Gruppe, Sannum mit neuen Augen zu sehen und aus planerischer Sicht kennenzulernen. Wir zeigten uns gegenseitig unsere Lieblingsplätze, führten Beobachtungsgänge durch und arbeiteten an Gestaltungsaufgaben, die uns als Gruppe relevant erschienen. Das Einnehmen von unterschiedlichen Blickwinkeln, wie z.B. Sannum aus der Perspektive von Menschen mit Behinderungen, Sannum als Ort für Mitarbeiter*innen, Sannum aus Sicht von Tieren sowie aus Sicht – bisher zumeist vorbeiradelnder – Tourist*innen zeigte sich hierbei als sehr hilfreich.

Nach zwei Tagen gemeinsamer Auseinandersetzung mit dem Ort und der Einrichtung verband uns alle der Wunsch, Sannum aus seinem etwas angestaubten Dornröschenschlaf zu wecken und in seiner potentiellen Qualität stärker sichtbar werden zu lassen: für alle, die in Sannum leben und arbeiten, genauso wie für alle Menschen, die Sannum besuchen. Das ging über die ursprüngliche Intention der Planungswerkstatt, an der Barrierefreiheit der Außenanlagen zu arbeiten, weit hinaus. Wir beschlossen, gemeinsam nach einem Motto zu suchen, welches die Qualität von Sannum zum Ausdruck bringen sollte.

Die Motto-Suche begann mit dem Austausch und Sammeln aller Worte und Vorschläge, die in den verschiedenen Köpfen entstanden waren. Das war zäh und schwierig. Nach und nach näherten wir uns dem Kern dessen, was wir während der vergangenen zwei Tage (und zwei Nächte) in der Auseinandersetzung mit Sannum als Ort und als Einrichtung als wesentlich wahrgenommen hatten. Die Begriffe verdichteten sich nach und nach. Das Motto „Gut Sannum – ein Ort für Alle“ schien unter allen Vorschlägen am treffendsten. Doch irgendetwas stimmte noch nicht, die Gruppe wirkte noch nicht wirklich zufrieden. Die Atmosphäre war nach wie vor angespannt, die Arbeit anstrengend. Erst durch den Vorschlag, das Wort „Ort“ durch „Freiraum“ zu ersetzen, sodass das Motto nun „Gut Sannum – Freiraum für Alle“ hieß, machte sich Entspannung breit: Plötzlich wurde gelacht, Nebengespräche begannen sich zu entwickeln, Kaffee wurde nachgeschenkt, die Toilette wurde aufgesucht. Der Durchbruch war merklich geschafft, alle wollten schnell mit der Arbeit weitermachen. Das Motto war gefunden.

Die nun startende konkrete Planungsarbeit fand in einem fast als rauschhaft zu bezeichnenden Arbeitsmodus statt. Es bildeten sich Planungsgruppen nach Interesse, die sich mit verschiedenen Teilbereichen wie z.B. den Höfen, dem Garten, den Wegen, aber auch dem Gesamtkonzept auseinandersetzten. In den Planungsgruppen spielte es keine Rolle mehr, ob man Planer*in, Mitarbeiter*in, Bewohner*in oder Leitung war. Die Ergebnisse, die so entstanden, bildeten die Grundlage für das Gesamtkonzept, was im Nachgang von uns als Planungsbüro professionell erarbeitet wurde. Dieses Gesamtkonzept ermöglichte es uns, zusammen mit dem Träger und der Einrichtung über die folgenden vier Jahre Fördergelder im hohen sechsstelligen Bereich einzuwerben und somit das Konzept zu einem großen Teil umzusetzen sowie weitere Projekte auf den Weg zu bringen. Ganz nebenbei wurde die Einrichtung innerhalb von wenigen Wochen unbenannt: aus „Haus Sannum“ wurde ganz offiziell „Gut Sannum – Freiraum für Alle“.

Die Erfahrungen, die wir in Sannum gemacht haben, führten zu einer einfachen Erkenntnis: Inklusion entsteht durch Inklusion. Inklusive, lebendige Räume entstehen durch inklusive, lebendige Prozesse. Partizipative Formen des Planens, in denen alle interessierten Akteur*innen mit ihren jeweiligen Fähigkeiten, ihrem Wissen und ihren Perspektiven zu einer Lösung beitragen können, sind eine passende Arbeitsform.

Inklusive Prozesse müssen Anstoß zu Haltungsänderungen und baulichen Maßnahmen zugleich geben. So führen sie zu mehr Lebensqualität. Mitwirkende erfahren sich als Teil eines gemeinsamen Entwicklungsprozesses in ihrer Selbstwirksamkeit, erleben das gebaute Resultat und die daraus erneut entstehende Wirkung von größerer Barrierefreiheit und Inklusion.

So hat die Planungswerkstatt in Sannum und das dort gefundene Motto „Gut Sannum – Freiraum für Alle!“, welches zugleich vielschichtig, sehr einfach und gut verständlich ist, einen Prozess in Gang gesetzt, der bis heute andauert. Einen Prozess, der das Verständnis für Inklusion durch Inklusion schärft, der Zwischenzustände akzeptiert, nicht Perfektes zulässt, Dinge neu definiert und Grenzen verschiebt.

Wir sind überzeugt, dass es einen wahrnehmbaren Unterschied macht, wie etwas entsteht. Gestaltung spricht uns auf vielen Ebenen an, nicht nur visuell oder taktil. Wir spüren Orte, wir sind emotionale Wesen – mehr als wir Planer*innen manchmal zu glauben vermögen. Und natürlich habe ich Angst, dass man mich eine Spinnerin nennt, wenn ich das hier so schreibe. Doch es hilft nichts. Unsere Erfahrung zeigt: der Prozess, also, wie etwas entsteht, schreibt sich in die Gestaltung mit ein. Die Gestaltung erzählt uns etwas über den Prozess. Gut Sannum hat mir vieles beigebracht. Zum einen: Vitalität entsteht in besonderem Maße durch Abweichen von der Norm. Menschen lieben die Abweichung, das Besondere im Detail, das Nicht-Perfekte. Es erlaubt uns, Mensch zu sein. Das ist schön, nicht nur gestalterisch. Gut Sannum macht deutlich: Gestaltung und Prozess gehören zusammen. Sie sind zwei Seiten einer Münze.

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