Bürgerrat Klima – zwischen Komplexität, Zukunftsbildern und Kokreation

Der Klimawandel als ein globales Phänomen unserer Zeit hat im Laufe der letzen Jahre immer mehr an Aufmerksamkeit gewonnen. Das Verständnis der wechselseitigen Beziehungen zwischen menschlichen und sozialen Systemen hat sich in vieler Weise im gesellschaftlichen Diskurs verbreitet und fordert neue Wege und politische Maßnahmen, diesen Veränderungen zu begegnen. 

Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens hat sich Deutschland zu der Einhaltung des 1,5 Grad Ziels verpflichtet. Allerdings reicht das 2019 verabschiedete Klimapaket und dessen Maßnahmen laut Expert:innen nicht aus, um den Temperaturanstieg in diesen Rahmen zu begrenzen. Die Zurückhaltung der politischen Forderungen wurde auch mit der Befürchtung begründet, das zu progressive Maßnahmen zu sehr in die gewohnte Alltagswelt der Bürger:innen eingreift.  

Genau hier setzt der Bürgerrat Klima an und brachte frischen Wind in die politische Teilhabe Deutschlands und ermöglichte, dass die Frage nach den passenden Maßnahmen direkt durch die Bürger:innen selbst ausgehandelt wurden.  

Als ein Brücke zwischen direkter Demokratie und Expertokratie sind Bürgerräte ein Weg, um auf die komplexen Fragen unserer Zeit mit mehr Partizipation, Teilhabe und Inklusion zu reagieren. England, Frankreich und Irland haben es vorgemacht und schon ähnliche Formate abgehalten, nun folgte dieses Jahr Deutschland mit dem Bürgerrat Klima. 

Das IPG hat von April bis Juni 2021 mit zwei weiteren Instituten den Bürgerrat Klima mit 160 zufällig ausgelosten Bürger:innen durchgeführt. Gemeinsam wurde dabei über die Frage diskutiert, wie Deutschland das 1,5 Grad Ziel des Pariser Abkommens noch erreichen kann – unter Berücksichtigung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Gesichtspunkte. Genauere Informationen dazu in der Info-Box.

Zum Thema: Der Klimawandel ist geprägt von unheimlicher Komplexität. Dies führt oft zur Überforderung – denn niemand kann das Problem alleine gut überblicken oder die eine Lösung formulieren. Und so erfordert es auch Mut, sich dieser Überforderung zu stellen und gemeinsam den Fragen zu begegnen, wie die große Transformation der Gesellschaft in Zukunft gestalten werden kann.

Auf der praktischen Ebene begegnete der Bürgerrat diesem Umstand mit einer klaren Gliederung in vier Themenbereiche und somit einer gewissen Rahmung. So wurde die Komplexität auf gewisse Felder reduziert, in dem die Teilnehmer:innen arbeiteten. Durch die Input-Vorträge der Expert:innen wurde gleichzeitig eine qualitative und wissenschaftliche Fundierung der Diskurse garantiert.

In den Themenfelder und in den Kleingruppen wurde allerdings nicht nur auf deliberative Weise diskutiert, sondern auch mit partizipativen und kokreativen Methoden gearbeitet. Vor allem unter dem Aspekt Diversität und Inklusion wirkte sich dies auf vielfältige Weise auf den Prozess auf. Denn Bürgerräte bringen Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen zusammen. Verschiedenste Erfahrungen, Lebenswirklichkeiten und Perspektiven treffen in einem Raum aufeinander. Dies erfordert, das Unterschiede ausgehalten, ausgehandelt und auch formuliert werden müssen. Und das ist nicht immer einfach. Gleichzeitig ergeben sich immer wieder Momente, wo die Teilnehmenden nach einer hitzigen Diskussion verändert hervorgehen, mit leuchtenden Augen von ihren Erfahrungen in ihrer Kleingruppendiskussion erzählen, oder von einem Konzert des „Orchester des Wandels“ berührt wurden.

Beim Bürgerrat Klima war nicht nur die Formulierung von konkreten Empfehlungen für die Bundesregierung wie z.B. im Bezug auf die Wärmesanierung oder dem Kohleaustieg auf der Agenda. In kokreativen Sessions wurden auch Zukunftsbilder entworfen, die ein positive Vision der angestrebten Transformation bilden. Doch warum lohnt es sich, in diesem Zusammenhang über das große Ganze nachzudenken?

Zukunftsbilder sind eine Möglichkeit, ein Szenario zu schaffen, dass den Weg für die Veränderung ebnet. Sie formulieren und transportieren Ziele und Werte, die uns im Zusammenleben wichtig sind, und dies nicht nur abstrakt, sonder auch visuell und konkret. So machen sie den Weg der Veränderung leichter. Und vor allem geben sie einen Rahmen, an dem man sich bei dem Veränderungsprozess orientieren kann.

Dieser Rahmen erwies sich als sehr wichtig in einem Prozess, der von so großer Komplexität geprägt ist. Zum einen durch das Thema Klima, aber auch das Format des Bürgerrats selbst. So wurde im Laufe der Session mehrmals zu den Zukunftsbildern zurückgekehrt und auch weitergearbeitet.

Der Bürgerrat Klima hat bewiesen dass es möglich ist, sich dieser Herausforderung auf wissenschaftlich fundierte aber auch kokreative Weise zu nähern, und hat im Laufe der Sitzungen progressive Forderungen erstellt, die im Herbst an die politischen Vertreter:innen des Bundestages übergeben werden. Der Prozess hat deutlich gemacht, wie sehr das Format den Zeitgeist eines neuen, partizipativen Demokratieverständnisses trifft und dass die Bevölkerung mehr als bereit ist für mehr Beteiligung an der politischen Agenda. Denn es ist an der Zeit zusammen über das Klima zu reden und etwas zu verändern – jetzt.  

 

Infobox:

  • Der Bürgerrat Klima wurde von Bürgerbegehren Klimaschutz e.V. initiiert und von den Scientists for Future gefordert
  • Durchführung von April bis Juni 2021
  • 160 zufällig ausgeloste Bürger:innen aus ganz Deutschland
  • 4 Themenbereiche: Mobilität, Energie, Wärme und Gebäude, Ernährung
  • 12 gemeinsamen Sitzungen
  • Begleitung durch Fachexpert:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft

 

Hier kann das Bürgergutachten heruntergeladen werden: https://buergerrat-klima.de/ergebnisse-gutachten

Mehr Informationen über den Bürgerrat Klima unter: https://buergerrat-klima.de

 

Auftraggeber:
Bürgerbegehren Klimaschutz
Zeitraum:
03/2021 - 06/2021
Leistungen:
  • Partizipatives Prozessdesign
  • Durchführung
  • Beratung und Begleitung
Bildnachweis (Fotos): Bürgerrat Klima, Robert Boden
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