7 Milliarden Bewusstseins-Prozessoren

Douglas Adams war ein Visionär. Er wusste, dass die Erde ein gewaltiger Computer ist, der geschaffen wurde, um die Frage auf die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest zu finden. Als Erinnerung: die Antwort auf die Frage aller Fragen hatte der Supercomputer Deep Thought herausgefunden. Die Antwort lautete: 42. Das Problem war jedoch, dass die Frage selbst nie wirklich formuliert worden war und somit niemand mit dem Ergebnis 42 viel anfangen konnte. Also wurde die Erde gebaut, um die Frage zu der Antwort auf die Frage aller Fragen herauszufinden.

Die Analogie der Erde zu einem Supercomputer, der die Frage aller Fragen herauszufinden versucht, ist naiv und genial zugleich. Zur Zeit Douglas Adams‘ flimmerte auf den grünen Bildschirmen noch der digitale Code selbst, heute sieht der Benutzer kaum noch was von dem Code. Damals operierten Prozessoren auf den Platinen, die heute durch jeden Mobiltelefon-Chip in den Schatten gestellt werden. Heutige Prozessoren sind wahre Wunderwerke der Technik, die in Bruchteilen einer Sekunde ungeheure Datenmengen verarbeiten können. Doch nicht nur die Prozessoren sind leistungsstärker geworden. Seit einigen Jahren wird die Leistung auch dadurch gesteigert, dass auf einer Platine mehrere Prozessorkerne sitzen, die sich die Arbeit teilen und die Rechenleistung für komplexe Operationen sinnvoll untereinander koordinieren. Der neue Mac Pro besitzt zum Beispiel zwölf solcher Prozessorkerne in einem Rechner. Die Rechenmöglichkeit nimmt mit der synchronen Bearbeitung komplexer Aufgaben an Geschwindigkeit und Kapazität immens zu.

Kollaborative Prozesse

In unseren kollaborativen Gestaltungsprozessen sprechen wir von den Teilnehmer*innen eines Gestaltungsworkshops häufig als Prozessoren oder Transformatoren in einem Feld. Menschen, die sich in ein thematisches oder räumliches Feld begeben und in intensiven Innovations- und Transformationsprozessen arbeiten, erleben sich häufig als Kräfte im Feld, durch deren Arbeit Informationen, Narrationen, Erfahrungen und Emotionen verarbeitet und „prozessiert“ werden. Indem Menschen Teil eines solchen Feldes werden, gelangen sie in die Lage, die prägenden Kräfte des Feldes körperlich, geistig und spirituell zu verstoffwechseln. Nicht selten geht das einher mit tiefen körperlichen, geistigen und emotionalen Erfahrungen, die von den Teilnehmer*innen als Umbau- oder Lernprozesse beschrieben werden. Das Resultat solcher Arbeit ist eine Veränderung sowohl in den Haltungen und Gedanken der beteiligten Menschen als auch im Verhalten der Kräfte des gesamten Feldes. Menschen sind extrem wirkmächtige Prozessoren in einem Feld. Arbeiten mehrere Menschen kollaborativ zusammen, kann darüber hinaus eine kollektive Transformationsenergie entstehen, die gerade durch die Synchronizität der Prozessarbeit aus mehreren Perspektiven und Aspekten, für die diese Menschen sich anbieten, zusätzliche Kraft gewinnt. Hier verarbeiten nicht vereinzelte „Prozessoren“ ein thematisches Feld, sondern sie schalten sich zusammen, um Aufgaben zu lösen, die alleine auch in vielfacher Zeit nicht in gleicher Komplexität hätten verarbeitet werden können. Durch die Vernetzung mehrerer Prozessoren entsteht ein mehr an Qualität, Komplexität und Tiefe der Verarbeitung, wenn der strukturelle Rahmen und das methodische Setup dies zulassen. (Diese Einschränkung ist essentiell, da es natürlich auch viele Prozesse gibt, in denen trotz der Zusammenarbeit vieler Menschen keine echte Kollaboration entsteht und somit die einzelnen Prozessoren die Informationen jeweils getrennt voneinander verarbeiten. Dadurch entstehen entweder mehrmals die gleichen Lösungen oder eine Vielzahl inkongruenter Lösungen und somit auch keine neue Komplexität, keine Emergenz und keine kollektive Intelligenz.)

Menschen fungieren also innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen als Prozessoren und bewirken damit Veränderungen in sich selbst und in dem Feld, in dem sie agieren. Dadurch werden sie zu aktiv Teilhabenden an Schöpfung und Evolution. Die Qualität, Tiefe und Komplexität dieser Prozessarbeit erhöht sich in dem Maße, wie es gelingt, dass die Beteiligten Bindungen eingehen, um kollektive Intelligenz entstehen zu lassen. Damit das funktioniert, reicht es nicht, Menschen einfach gemeinsam in einen Raum zu setzen und an der gleichen Aufgabe arbeiten zu lassen. Vielmehr muss die materielle und geistige Infrastruktur geschaffen werden, damit eine multiple, synchronisierte Verschaltung der Verarbeitungsprozesse stattfinden kann. Dazu gehören Kommunikations- und Organisationsstrukturen, innere Haltungen, Werte und Einstellungen sowie methodische Werkzeuge und Algorithmen.

Die Erde als Bewusstseinscomputer?

Den Gedanken multipler Prozessoren in einem Gestaltungsprozess kann man skalieren: Derzeitige Beteiligungsprozesse umfassen meist kleinere Gruppen und Teams, Beteiligungsprozesse auf globaler Ebene sind dagegen selten, und nehmen am ehesten die Form digitaler Crowdkommunikation an, weniger die kollaborativer Gestaltungsprozesse. Trotzdem: was, wenn wir die Erde wie Douglas Adams betrachten? Als einen gewaltigen Supercomputer zur Verarbeitung von Schöpfungs- und Evolutionsprozessen? Dann wären demnächst auf der Platine dieses Computers sieben Milliarden Prozessoren vorhanden, die nicht nur wie heutige Computerchips reine Informationen verarbeiten, sondern zudem über die Kompetenz von Bewusstsein verfügen!

Sieben Milliarden Bewusstseins-Prozessoren: das ist eine gigantische Vorstellung! Wer erlebt hat, was eine kleine Gruppe von zwölf Menschen in zwei Tagen an kollektiver Intelligenz erzeugen kann und welche tiefen Veränderungs- und Innovationsprozesse möglich sind, muss von der Vorstellung von sieben Milliarden Prozessoren, die in einem kontinuierlichen und zeitlich unbegrenzten Prozess verschaltet sind, schier sprachlos werden.

Nur warum entsteht diese kollektive Intelligenz global in so geringem Maße? Warum scheint im Gegenteil häufiger das Phänomen kollektiver Dummheit vorzuherrschen? Warum gelingt es einem Prozessrechner mit sieben Milliarden Bewusstseins-Prozessoren nicht, das Problem des Klimawandels zu lösen – sicherlich sollte das mit dieser geballten Transformationskraft überhaupt kein Problem darstellen.

Wir brauchen die passende Infrastruktur

Die Antwort ist einfach: uns fehlt die Infrastruktur: kulturelle Codes, die uns die sinnvolle Vernetzung unserer Potentiale zu kollektiver Intelligenz, ja: kollektivem Bewusstsein ermöglichen – neue Kommunikations- und Organisationsstrukturen, neue Haltungen, Werte und Einstellungen, methodische Werkzeuge und kulturelle Algorithmen. Diese Infrastruktur aufzubauen ist eine unserer dringlichsten Aufgaben heute. Nur mit dieser Infrastruktur werden wir in der Lage sein, das gigantische Innovations-, Transformations- und Problemlösungspotential zu erschließen, auf das wir dringend und zeitnah angewiesen sind, wenn wir Probleme wie zum Beispiel den Klimawandel, das Artensterben, die Ernährung und Energieversorgung der Menschen lösen, sowie ein friedliches, liebendes Miteinander auf der Erde erreichen wollen. Nur wenn es uns gelingt, diese Rahmenbedingungen zu schaffen, werden wir Douglas Adams‘ Vision gerecht werden und zumindest teilweise die Frage auf die Antwort aller Fragen formulieren können.

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